Bei Zoff hilft ein Zauberspruch

"Ich - du - wir - ohne Gewalt" in Tagesstätte
von UNSERER MITARBEITERIN MARTINA STÖHR

AACHEN. Der fünfjährige Elias ist wütend. Beim Malen ist das Papier zerrissen, und obwohl der Schaden kaum zu erkennen ist, ist er nicht zu trösten. Da hilft es auch nichts, dass die kleine Rabia ihm anbietet, ihm gleich ein neues Bild zu malen, Elias ist ganz offensichtlich sauer. Sollte er aber versuchen, seine Wut an einem der anderen sechs Kinder der Gruppe auszulassen, so muss er damit rechnen, dass er den "Zauber-spruch" zu hören bekommt: "Halt - ohne Gewalt."
Denn die Vorschulkinder der Kindertagesstätte (Kita) an der Weißwasserstraße lernen während eines zweiwöchigen Projekts, wie man ohne Gewalt miteinander auskommt. Und wie sie jemandem helfen können, der traurig ist.
Laut Ingrid Breuer-Schermoly, Leiterin der Kita, sind erste kleine Erfolge bereits auszumachen. Streitigkeiten und Konflikte seien zwar nicht gleich "weggezaubert", aber der Umgangston habe sich geändert. Und das schließlich sei schon ein großer Schritt.
"Ich - du - wir - ohne Gewalt" heißt das Projekt, das zurzeit erstmalig in einer Kindertagesstättedurchgeführt wird. In Grundschulen arbeitet Projektleiterin Renate Schmitz-Gebel dagegen bereits seit Jahren, und die Erfahrungen waren so positiv, dass sich die Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA) daran machte, das Konzept auch Kindergärten zugänglich zu machen. Denn Gewaltprävention soll so früh wie möglich ein Thema sein.
Kita-Leiterin Ingrid Breuer-Schermoly ist bugeistert: "Solche Projekte sollten überall laufen. Und das auch langfristig." Wie immer ist aber das eine Frage der Finanzierung. Die Kita an der Weißwasserstraße hat Glück gehabt: Das Stadtteilbüro Ost übernimmt die Kosten.
Die Projekttage in der Kita beginneii allmorgendlich mit demselben Ritual. Die Jungen und Mädchen ziehen ein weißes T-Shirt mit dem Leitspruch des Projekts über. Danach wühlen sie in der Schatzkiste, kramen Puppen heraus und suchen den goldenen Bilderrahmen. Der wird schließlich einem Kind nach dem anderen vors Gesicht gehalten. "Wer ist das?" lautet die Frage dazu. "Das ist Marc. Er ist ein Schatz." jedes Kind sei etwas Besonderes, ein wertvoller Schatz eben, meint Renate Schmitz-Gebel. Und stamme es aus einem anderen Land, so sei dies eine Bereicherung. Die Kinder sollen lernen, sich wertzuschätzen, denn "das ist der erste Schritt zu einem liebevolleren Umgang untereinander". Sie haben gelernt, ihren "Zauberspruch" auch auf türkisch und arabisch aufzusagen. Als Zeichen des Respekts für die in der Gruppe vertretenen Nationen. Und da waren es dann die deutschen Kinder, die ins Schwitzen kamen.
Was die jungen und Mädchen lernen, bleibt nicht auf die Räume der Kita beschränkt. Sie erzählen ihren Eltern davon und tragen die Botschaft der gewaltfreien Kommunikation und des gewaltfreien Umgangs mit nach Hause. Die Kooperation der Eltern sei wichtiger Bestandteil für das Gelingen des Projekts, meint Breuer-Schermoly: Denn wie sollen die Kinder einen friedlichen Umgang untereinander lernen, wenn sie zu Hause etwas anderes erleben?"
Deshalb werden die Themen bei speziellen Informationsnachmittagen auch mit den Eltern besprochen. Und die haben Gelegenheit, auf Bildern zu sehen, was ihre Kinder in der Kita treiben.
Jeder einzelne Tag des Projekts wird auf Fotos festgehalten: Damit sich die jungen und Mädchen noch möglichst lange daran erinnern, was sie über ein gewaltfreies Miteinander gelernt haben.

Aachener Zeitung, 31.08.2007

Halt - Ohne Gewalt Kinder der Tagesstätte Weißwasserstraße in Aachen
"Halt - ohne Gewalt": Den Zauberspruch wenden die Kinder aus der Tagesstätte Weißwasserstraße schon mit Erfolg an. Foto: Martin Ratajczak