Grundschüler: Haben schon viel gelernt "Ich Du Wir Halt: Ohne Gewalt!

Zweitklässler der Grundschule Eintrachtstraße übten Gewaltvorbeugung. 98 Prozent der Kinder sind ausländischer Herkunft.

VON UNSERER REDAKTEURIN MARGOT GASPER

AACHEN. Über Gewaltvorbeugung und Integration wird ja viel geredet. Die Zweitklässler an der Gemeinschaftsgrundschule Eintrachtstraße aber haben's konkret angepackt. Unter dem Motto „Ich - Du - Wir - ohne Gewalt" haben sie vier Tage lang mit Trainerin Renate Schmitz-Gebel interkulturelle Gewaltprävention eingeübt.
Die Schule Eintrachtstraße, ganz nah am Europaplatz, gehört zu jenen Ecken der Stadt, die als „sozialer Brennpunkt" gelten. Von den 75 Kindern, die hier lernen, stammen 98 Prozent aus ausländischen Familien. Lernen ist hier ohnehin „interkulturelle Arbeit" pur. In der zweiten Klasse beispielsweise sitzt kein einziges Kind, dessen Muttersprache Deutsch ist.
Renate Schmitz-Gebel arbeitet seit 1998 mit unterschiedlichsten Gruppen nach dem von ihr entwickelten Konzept zur Gewaltvorbeugung. „Wenn Kinder in einem Klima der Toleranz und gegenseitigen Wertschätzung aufwachsen, wenn sie so früh wie möglich lernen, mit all ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu leben und ihre Konflikte gewaltfrei zu lösen, können Gewalt und Rassismus der Boden entzogen werden", erklärt sie.
Wer andere wertschätzen soll, muss sich selbst mögen, betont die Trainerin. „Jeder Mensch ist wertvoll. Aber diesen Schatz muss man erst einmal finden." Deshalb hängen jetzt selbst gemalte Porträts aller Kinder im Klassenraum. Renate Schmitz-Gebel hat mit den Kindern auch Wörter gesammelt zum Thema Gewalt. 24 Begriffe sind da ganz flott zusammen gekommen. Mindestens 25 Wörter zu finden zum Themenbereich „Ohne Gewalt“ war dagegen gar nicht so ohne. „Wir haben es tatsächlich geschafft. Aber es war richtig Arbeit“, sagt Renate Schmitz-Gebel.
Zum Schatz, den die Kinder mitbringen, gehören auch die unterschiedlichen Muttersprachen und Kulturen. So haben Kenneth aus Afrika, Nelylson aus Portugal, Erwina aus Bosnien, Melek aus der Türkei und all die anderen gelernt, in vielen Sprachen „Guten Morgen“ zu sagen. Die interkulturelle Gewaltvorbeugung soll vielfältige Spuren hinterlassen in der Klasse. Auch den Eltern wurden die Ergebnisse präsentiert. Und Klassenlehrer Stefan Groetzky wird die Strategien, die die Kinder gemeinsam erarbeitet haben, im Unterrichtsalltag weiterführen – etwa mit der Roten Karte gegen Gewalt, die jedes Kind nun hat.
Möglich wurde das Anti-Gewalt-Programm an der Schule Eintrachtstraße, weil die DBB-Jugend, die Nachwuchsorganisation im Deutschen Beamten-Bund, das Projekt sponsert. Gehe es nach Schulleiterin und Kollegium, dann werden künftig alle Zweitklässler dieses Programm absolvieren. „Notfalls müssen wir Sponsoren suchen“, sagt Marga Bourceau.
Am 1. Februar hat die Leiterin der Grundschule Feldstraße kommissarisch die Leitung der Schule Eintrachtstraße übernommen. „Wir wollen eine Kultur des Miteinanders installieren“, sagt sie.
Im nächsten Schuljahr soll es an der Schule zusätzlichen Förderunterricht geben, weil die Sprachkenntnisse der Kinder doch sehr unterschiedlich entwickelt sind.
Und Arbeitsgemeinschaften sind geplant. „Über solche Aktivitäten lassen sich Sprachkenntnisse ungemein fördern“, so Marga Bourceau.
Sogar das Schulgelände ändert sein Gesicht. Nachdem im Januar der Stadtsportbund aus den Pavillons auf dem Schulgelände ausgezogen ist, konnten diese Behelfsgebäude nun endlich verschwinden. Dort entsteht nun Rasen für die Schulkinder.
Gewaltvorbeugung, so erzählt die Schulleiterin noch, könne man auch mit ganz einfachen Mitteln anstoßen. „Wir haben Pausenspiele eingeführt. Seitdem haben wir eine andere Kultur auf dem Schulhof.
Die körperlichen Auseinandersetzungen sind zurückgegangen. Die Kinder haben einfach was zu tun.“

Das Thema im Netz: www.ichduwirohnegewalt.de

Aachener Zeitung, 23.05.06

Wer andere wertschätzen soll, muss sich selbst mögen, betonte Renate Schmitz-Gebel (rechts hinten). "Jeder Mensch ist wertvoll. Aber diesen Schatz muss man erst einmal finden." Klassenzimmer Schule Eintrachtstr.
Wer andere wertschätzen soll, muss sich selbst mögen, betonte Renate Schmitz-Gebel (rechts hinten). Deshalb hängen jetzt selbst gemalte Portraits aller Kinder im Klassenzimmer der Schule Eintrachtstr. Foto: Andreas Herrmann