Gewalt fängt mit Beleidigung an

Lernziel Gewaltfreiheit: An vier Projekttagen wurden Neuntklässler der Gesamtschule zu Lehrern für die Klasse 3a der Grundschule Nathrather Straße.
Von Dorthe Becker

„Der Vielfalt eine Chance" - das Motto für ein gewaltfreies Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften sieht die Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA) als eine ihrer Zukunftsaufgaben. Mit der Vermittlung von Toleranz, Respekt und dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten fängt man am besten schon bei den Jüngsten an.
Deshalb rief Renate Schmitz von der RAA 1998 in Aachen ein Projekt zur interkulturellen Gewaltprävention ins Leben. Und seit drei Jahren findet „Ich-DuWir-Ohne Gewalt" in Kooperation mit der Gesamtschule Vohwinkel, der Grundschule Nathrather Straße und der schulpsychologischen Beratungsstelle der Stadt Wuppertal statt.
An vier Vormittagen schlüpften 13 Neuntklässler der Gesamtschule Vohwinkel in die Lehrerrolle, um ihren Schützlingen von der Klasse 3a der Grundschule Nathrather Straße auf spielerische Weise Kommunikation und gewaltloses Lösen von Konflikten näher zu bringen. Die Kleinen sind begeistert bei der Sache, singen und spielen. „Ich finde den Zauberspruch am besten", sagt der neunjährige Tom. Der lautet so: “Ich-Du-Wir-Halt!-Ohne Gewalt". Man hört ihn während des Projekts nicht nur einmal, das Motto soll den Kindern immer wieder in Erinnerung gerufen werden.
Nils (9) gefallen die Hausaufgaben am besten: „Für heute sollten wir etwas über uns schreiben." Die Schüler, darunter unter anderem Kinder bosnischer, türkischer, italienischer und afrikanischer Abstammung, lernen während des Projekts neben der eigenen Wertschätzung besonders den Respekt vor anderen. „Gewalt fängt auch schon mit Beleidigungen an", sagt eine der Jung-Lehrerinnen aus der neunten Klasse. „Wie fühlt ihr euch, wenn ihr gehänselt werdet?" Das verstehen die Grundschüler und sammeln im Anschluss OhneGewalt-Begriffe wie: sich entschuldigen, teilen, nett sein und Komplimente machen.
Für die neunte Klasse der Gesamtschule bietet die Aktion eine zusätzliche Qualifizierung und steigert die Berufschancen. „Außerdem haben sie hier die Möglichkeit, mal eine ganz andere Seite von sich zu zeigen als im Unterricht", so Anne Schneiders, Sozialpädagogin der Gesamtschule Vohwinkel. Sie hat in Kooperation mit Britt Sommerfeld, Sozial- und Theaterpädagogin der schulpsychologischen Beratung, die Schüler seit Oktober auf das Projekt vorbereitet. „Ziel ist, dass die Kinder lernen, sich wertzuschätzen, und dass Vorurteile, sprachliche Barrieren und Berührungsängste - gerade vor Älteren - abgebaut werden", erklärt sie. „Dass die Kinder das Projekt toll finden und die älteren Jugendlichen es annehmen, hat sich bei dem Stimmungsbarometer gezeigt, das wir immer am Ende des Tages als Echo durchführen", freut sich Helga Hoppe, Klassenlehrerin der 3a.
An jedem Tag wird ein Modul von einem anderen Moderationsteam durchgeführt: „ “Ich” steht für die Stärkung des Selbstwertgefühls; „du" bedeutet Ausräumen von oft sprachbedingten Missverständnissen untereinander. „Wir" heißt Besprechung von Konflikten und das Äußern der eigenen Gefühle. Am vierten und letzten Tag steht das Modul „Ohne Gewalt” im Mittelpunkt. Die Schüler treffen Vereinbarungen und formulieren Wünsche für die Ziele ihrer Klassengemeinschaft. Damit das Projekt nach senem Ende nicht in Vergessenheit gerät, bekommen alle Grundschüler wie auch die Gesamtschüler eine Urkunde.
Und zur Erinnerung wird eine Decke mit dem Handabdrücken jedes Kindes angefertigt. „Zum Schluss wird dokumentiert, welche Methoden gut funktioniert haben und was für das nächste Jahr verbessert werden kann”, so Anna Licht von der RAA Wuppertal.
Interessierte Schulen können sich bei Frau Glowienka Telefon 563-2094 über das Projekt erkundigen.

www.wuppertal.de/raa

Wuppertaler Zeitung, 07.02.2006

Schüler aus den verschiedensten Ländern besuchen die Klasse drei a, hier mit ihren Gästen aus der Gesamtschule.
Schüler aus den verschiedensten Ländern besuchen die Klasse drei a, hier mit ihren Gästen aus der Gesamtschule. Foto: Uwe Schinkel