Sprache und Schrift als Mittel gegen die Gewalt.

Zehntklässler der Aretzstraße lesen in sieben Sprachen vor Grundschülern aus dem Buch Schreimutter.

VON UNSERER MITARBEITERIN CHRISTINE KRIEGER

AACHEN. „Heute morgen hat meine Mutter so geschrieen, dass ich auseinander geflogen bin." Die Klasse 10 B der Gemeinschaftshauptschule Aretzstraße hatte zu einem mehrsprachigen Vorlesen eingeladen. Die Schülerinnen und Schüler lasen vor Grundschülern aus dem Buch „Schreimutter" von Jutta Bauer, einem Bilderbuch über elterliche Gewalt.
Sie hatten sich im Ethikunterricht mit dem Thema Gewalt in Familien auseinandergesetzt. Mit dem mehrsprachigen Vorlesen wollten die Schülerinnen und Schüler, die selbst aus ganz verschiedenen Sprachräumen stammen, ihre Gedanken dazu in einem interkulturellen Rahmen weitergeben. Deshalb haben sie die ursprüngliche Geschichte über eine Pinguinfamilie in ihre jeweilige Muttersprache übersetzt. Erst auf Deutsch, dann auf Albanisch, Pakistanisch, Englisch, Türkisch, Spanisch und Persisch trugen sie den Text im passend dekorierten Klassenraum vor den Grundschülern vor. Anschließend zeigten die Kinder ihr Heimatland auf der großen Weltkarte.
„Die Kinder sind total fasziniert von den verschiedenen Sprachen und Schriftzeichen", strahlt die Initiatorin des Projekts, Renate Schmitz, „sie sind beim Zuhören ganz konzentriert und natürlich stolz, ihre eigene Sprache zu präsentieren."
Der Ethikunterricht, in dem das Projekt entwickelt wurde, stand unter dem Motto„ Erwachsen werden, Eltern werden". Auf der Grundlage des Buches haben die Schülerinnen und Schüler der 10 B dort auch eigene Geschichten zur familiären Gewalt geschrieben. Auf diese Weise wurde Sprachförderung mit der Sensibilisierung gegen Gewalt in Familien verknüpft. „Die Schüler stehen kurz vor dem Abschluss ihrer Schulzeit und damit am Beginn eines neuen Lebensabschnitts," so Gisela Lenze, die Klassenlehrerin der 10 B. „Irgendwann werden sie dann auch selbst Eltern. Wir haben diskutiert, was sie selbst einmal als Eltern vielleicht anders machen möchten," so Lenze weiter. Die eigenen Geschichten und die Übersetzungen des ursprünglichen Textes wurden in einem Heft zusammengefasst und an die Grundschüler verteilt. Die begeisterten Kinder wollen das Heft nun sogar um ihre eigenen jeweiligen Muttersprachen erweitern. Insgesamt vier Lesungen hat die Klasse 10 B veranstaltet, erst vor den fünften Klassen der eigenen Schule und nun eben auch vor den vierten Klassen der Grundschulen Beeckstraße, Schönforst und Passstraße.
Das Projekt ist Teil der langjährigen Zusammenarbeit zwischen der Gemeinschaftshauptschule in der Aretzstraße und Renate Schmitz, die in Aachen schon seit 1998 Projektarbeit zur interkulturellen Gewaltprävention betreibt, vornehmlich an Grundschulen. Ihre Initiative „Ich - Du - Wir - Ohne Gewalt" soll helfen, so früh wie möglich Gewalt und Rassismus vorzubeugen.

Aachener Zeitung, 18.06.2005


Aachen: Die Großen (Schule Aretzstraße) lesen den Kleinen(Grundschule) selbst übersetzte Geschichten vor.
Ein Buch, 7 Sprachen: Die Großen von der Aretzstraße lasen den Kleineren von der Grunschule aus einem Buch vor, dass sie vorher in ihre jeweilige Muttersprache übersetzt hatten. Foto: Andreas Schmitter