Ein Schatz, besonders wertvoll.

Gemeinsam mit Jugendlichen von Gesamtschule Vohwinkel lernten Grundschüler an der Nathrather Straße, ganz ohne Gewalt zurecht zu kommen.

Von Boris Glatthaar
„Ich heiße Anna-Marija und ich kann sehr gut helfen." Das Mädchen spricht mit Überzeugung von ihrer besonderen Fähigkeit. Kein bisschen unsicher wirkt sie, als sie so dasitzt vor der ganzen Klasse, durch einen goldenen Rahmen in die Menge schaut und dutzende Augen zurück blicken. Sie guckt erwartungsvoll nach rechts, nach links, ihr Pferdeschwanz schwingt mit. Dann klatschen alle.

Die Mädchen und jungen der 3. Klasse applaudieren für das, was Anna-Marija gesagt hat. Und dafür, dass sie es gesagt hat, vor ihnen allen, so auffallend mit dem Goldrahmen in Szene gesetzt. „Danke schön", sagt jemand zu ihr.

Anna-Marija hat in den vergangenen Tagen in der Klasse von Magdalena Rau, Leiterin der Grundschule Nathrather Straße, etwas Besonderes gelernt. Nicht, dass zehn geteilt durch zwei fünf ist. Auch nicht etwa, dass „Fotograf" mit „F" geschrieben wird. „Die Kinder haben erfahren, dass jeder von ihnen ein Schatz und ganz besonders wertvoll ist", erklärt Magdalena Rau. „Und, dass man sich gegenseitig nicht mit Gewalt, sondern mit Respekt begegnen sollte." Die Lehrer der Drittklässler waren dabei keine ausgebildeten Pädagogen, sondern selbst Schüler einer 9. Klasse an der Gesamtschule Vohwinkel.

Das Konzept hinter dem Projekt „Ich - Du - Wir - Ohne Gewalt" beruht vor allem auf einem wechselseitigen Lerneffekt: Jugendliche aus verschiedenen Kulturkreisen vermitteln jüngeren, dass Gewalt nicht in den Umgang miteinander gehört. Sie selbst werden dabei zu Vorbildern und stärken so ihre eigene Persönlichkeit gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Zudem erlernen die Jugendlichen Fähigkeiten wie Teamgeist, Verantwortung und Zuverlässigkeit, - Kompetenzen, die ihnen den Berufseinstieg möglicherweise erleichtern.
Entwickelt wurde das Projekt, das von der Integrationsstelle XENOS des Bundes unterstützt wird, von der „Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien" (RAA) in Aachen. „Frau Rau hat es bei einer Fortbildung kennen gelernt und in Vohwinkel nach einem Kooperationspartner gesucht", erklärt Renate Schmitz von der RAA. „In der Gesamtschule ist sie fündig geworden."

15 Jugendlichen waren es schließlich; die sich intensiv auf die Arbeit mit der jüngeren Klasse vorbereiteten. Während vier Tagen, die jeweils ein Wort aus der Kombination „Ich - Du - Wir - Ohne Gewalt" als Motto trugen, erarbeiteten sie schließlich gemeinsam mit den Kindern die Nachteile von körperlicher und seelischer Brutalität. Und: Sie verständigten sich auf akzeptable Alternativen für Auseinandersetzungen.
„Für mich war es eine schöne Erfahrung", so die 15-Jährige Mary im Anschluss an die vier Tage. „Wir haben nicht nur den Kindern etwas beigebracht, sondern auch alle selbst davon gelernt." Auch Schulleiterin Magdalena Rau hält das Projekt für so erfolgreich beendet, dass sie eine Wiederholung anstrebt. „Durch die Vermittlung der Jugendlichen ist das Thema ‚Ohne Gewalt' nachhaltig positiv besetzt worden", sagt sie. „die Jugendlichen waren mit dem Herzen dabei und haben den Kindern auf ganz unpädagogische Weise wichtige Grundgedanken vermittelt."

Wuppertaler Zeitung, 04.05.2005


Gemeinsam gegen Gewalt: Kinder und Jugendliche beim Projekt an der Grundschule Nathrather Straße. Foto: Wolfgang Westerholz
Gemeinsam gegen Gewalt: Kinder und Jugendliche beim Projekt an der Grundschule Nathrather Straße. Foto: Wolfgang Westerholz