Von den Großen gewaltfrei lernen.

18 Vohwinkeler Gesamtschüler sind an der Grundschule Nathratherstraße in die Lehrerrolle geschlüpft. Das Ziel: Gewaltprävention.

Melanie Müllenborn

Vohwinkel. Mit ruhiger, tiefer Stimme erklärt Morsal (15) ihrem Schützling die nächste Aufgabe. Dabei hockt sie in Augenhöhe mit ihm vor dem Mini-Pult. Key (15) hat sich auf einem eigentlich viel zu kleinen Stuhl niedergelassen. Sie beugt sich vor und zeigt ihrer jungen Sitznachbarin, welche Herausforderung als nächstes ansteht. Und Gamze (16) hebt die linke Hand wie zur Meldung und legt den rechten Zeigefinger an den Mund - die Mahnung zu Ruhe und Aufmerksamkeit.
Ganz recht: In der Klasse war es etwas laut geworden. Dabei ist Konzentration gefragt. Allerdings mal nicht für Lesen oder Rechnen. Gewaltprävention steht an diesem Vormittag auf dem Stundenplan der 3b an der Grundschule Nathrather Straße. Und die Lehrer sind keine Pädagogen. Morsal, Key, Gamze und die anderen besuchen die Gesamtschule Vohwinkel.
„Ich-Du-Wir-Ohne Gewalt" heißt das Projekt, das die Gesamtschule und die Grundschule Nathrather Straße in dieser Woche bereits zum zweiten Mal durchgeführt haben. Seit Dienstag besuchen 18 Jugendliche den Unterricht an der Grundschule und vermitteln anhand von Übungen, wie Gewalt konfliktfrei lösbar ist. Kleine lernen von Großen - angestoßen hat das Ganze die Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien. Entsprechend interkulturell geht es in der Klasse zu.
Die Gesamtschüler sprechen Deutsch, Türkisch, Arabisch, Tamilisch, Italienisch, Spanisch und Afghanisch. Über die Hälfte der Schüler, die vor ihnen sitzen, kommen aus Familien mit Migrationshintergrund. Die Zusammenarbeit funktioniert prima. An der Tafel hängt ein Plakat: „Gewalt" steht da als Überschrift. Darunter: „Kämpfen, Bomben, Kalaschnikow, Osama bin Laden." Ein Ergebnis der ersten Unterrichtsstunde, die unter der Fragestellung „Was ist Gewalt?" stand.

„Uns hat umgehauen, welche Gewaltformen die Kleinen schon kennen", sagt Derya (15), die in die Lehrerrolle geschlüpft ist. „Ja, aber das kann man wohl nicht vermeiden", meint Fatima (15). Die beiden haben sich, wie die 16 anderen auch, freiwillig für das Projekt gemeldet und monatelang vorbereitet. Jetzt fühlen sie sich gewappnet, auch knifflige Übungen mit den Kindern anzugehen - etwa die, Mitschülern einen netten Satz zu schenken. ;,Jeder schreibt seinen Namen auf einen Zettel", ruft Gordy. Die Schüler gehorchen. Dann muss jeder einen Zettel ziehen und dem Mitschüler, den er erwischt hat, liebe Worte aufschreiben. „Gar nicht so einfach", sagt Lehrerin Chris von Zahn, die ihre 3b aber kaum wiedererkennt. „Die sind heute so brav", schmunzelt sie. Und während sie so nachdenkt, sammelt Sami (8) munter Zettel von seinen Mitschülerinnen ein: „Du hast schöne Augen."
„Projektpaten" heißen die Gesamtschüler offiziell. Doch der Umgang ist ein ganz besonderer. „Wir wollen auch ein bisschen wie Freunde sein, große Geschwister", sagen die jungen Leute. „Mir ist wichtig, dass die Kleinen lernen, dass ohne Gewalt alles besser geht. Und dass sie das behalten", ist Sinthujahs (15) persönliche Bilanz des Tages als Lehrerin. Und ein Wunsch der RAA? „Dass wir hier eine Zusammenarbeit angestoßen haben, die zu einer regelmäßigen Einrichtung in Vohwinkel wird."

Wuppertaler Zeitung, 04.02.2005