Schulpflichtige Lehrer bekommen Bestnoten.

Hauptschüler unterrichten beim Projekt „Ich-Du-Wir-Ohne Gewalt“ – Kinder der GS Passstraße sind begeistert.

Bob ist ein Liebling der Kinder in der Klasse 2b der Grundschule Passstraße. Vielleicht weil er ein Mann ist, vielleicht weil er eine schwarze Hautfarbe hat – beides Eigenschaften, die die Grundschüler von Lehrkräften nicht kennen. Gemeinsam mit fünf Schulkameraden bringt der Neuntklässler der Hauptschule Aretzstraße der Klasse 2b bei, wie man Gewalt vermeidet. AZ-Mitarbeiterin Rauke Xenia Grimm hat den außergewöhnlichen Unterricht beobachtet.

Aachen. Renate Schmitz von der Aachener „Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien in Nordrhein-Westfalen" (RAA) hat das Projekt „Ich – Du - Wir - Ohne Gewalt" konzipiert und entwickelt es derzeit als Teil des RAA-Projektes „Der Vielfalt eine Chance" für die Arbeit mit Jugendlichen weiter. Zwölf Schüler der Hauptschule Azetzstraße und 15 Hauptschüler vom Kronenberg hat sie zu Multiplikatoren ausgebildet und anschließend mit Grundschülern zusammengebracht. Die Jugendlichen unterrichteten Zweit- und Viertklässler jeweils vier Tage lang.
Zukünftig wird sie Lehrer und Lehrerinnen in eintägigen Seminaren dazu befähigen, ihre Schüler zu Multiplikatoren auszubilden. Finanziert wird das überregionale Projekt durch die Europäische Union und das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung.
Jennifer - Schulkameradin von Bob - schreibt an der Tafel an, stellt Fragen, ruft die Grundschüler auf. Nur selten richtet sie einen fragenden Blick an Renate Schmitz. So erarbeiten die Grundschüler mit ihren jugendlichen Paten im Laufe der Woche sichtbare Spuren, die die Grundschüler noch lange nach dem Projekt an gewaltlose Konfliktlösungsstrategien erinnern: eine Figurenkette, eine „Schatzmappe" mit Arbeitsblättern, Füße am Fenster, eine Decke mit den Handabdrücken von allen Kindern der Klasse und Jugendlichen.
Diese sichtbaren Spuren bleiben in der Grundschule Passstraße, doch gehen auch die Projektlehrer nicht mit leeren Händen nach Hause. „Die Jugendlichen trainieren für ihr Berufsleben wesentliche Fähigkeiten", sagt Renate Schmitz und listet auf: Team- und Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Konfliktlösungsstrategien - ein wesentliches Projektziel neben der Gewaltprävention ist es, den Jugendlichen, besonders denen aus Zuwandererfamilien, damit eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt zu verschaffen." Deshalb wird ihr Engagement nicht nur auf dem Zeugnis vermerkt, sie bekommen auch ein Zertifikat in die Hand, das bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz ein entscheidendes Element der Bewerbungsmappe sein kann. Und nicht zuletzt bekommt ihr Selbstwertgefühl einen positiven Schub: „Zu Recht", meint Renate Schmitz, „erzählen die Jugendlichen ihren Klassenkameraden stolz von ihrer Aufgabe. Mit einem Brief will ich auch den Eltern vermitteln, wie hoch die Arbeit ihrer Söhne und Töchter in diesem Projekt einzuschätzen ist."
Die sechs schulpflichtigen Lehrer - Bob, Jennifer, Esmaa, Karima, Dalia und Delida - stehen nun gemeinsam vor der Klasse 2b. „Und jetzt unser Zauberspruch", fordert Dalia die 26 Grundschüler vor ihr auf. „Ich - Du - Wir - Halt! – Ohne Gewalt!", sprechen alle im Chor. „Die Kinder nehmen die Jugendlichen begeistert als Lehrer an", hat die Klassenlehrerin Irmgard Soentgen registriert. Eine richtige Beobachtung, die ein aufgewecktes Mädchen aus der 2a - auch in dieser Klasse waren jugendliche Paten aus der Hauptschule Aretzstraße - bestätigt: „Die Jugendlichen waren wie Lehrer, obwohl sie noch so jung sind."

Fortbildung
Renate Schmitz bildet Lehrer und Lehrerinnen aller Schulformen in eintägigen Seminaren weiter, damit die Pädagogen wiederum ihre Schüler zu Multiplikatoren ausbilden können.
Infos sind zu bekommen beim RAA-Büro Aachen, Eintrachtstraße 3.

Aachener Zeitung, 07.03.2003